Induktives Denken

Lerne, aus einzelnen Fällen eine Vermutung aufzustellen, sie an neuen Fällen zu prüfen und mit einem Gegenbeispiel zu widerlegen.

Mittelstufe25 MinLektion

Definition

Induktives Denken (auch induktives Schließen genannt) bedeutet: Du betrachtest einzelne Fälle, bemerkst ein Muster und stellst eine allgemeine Behauptung darüber auf. Diese Behauptung heißt Vermutung.
Induktives Denken läuft in vier Schritten ab:
  1. 1.Beobachten einzelner Fälle: 1=11 = 1, 1+3=41 + 3 = 4, 1+3+5=91 + 3 + 5 = 9
  2. 2.Eine Vermutung aufstellen: Die Summe der ersten nn ungeraden Zahlen ist n2n^2
  3. 3.Prüfen an neuen Fällen: 1+3+5+7=16=421 + 3 + 5 + 7 = 16 = 4^2, stimmt immer noch
  4. 4.Beweisen oder widerlegen: Ein Beweis zeigt, dass sie immer gilt, ein einziges Gegenbeispiel zeigt, dass sie falsch ist
Eine Vermutung, die durch induktives Denken entsteht, ist nur wahrscheinlich wahr, nie sicher. Der Term n2+n+41n^2 + n + 41 liefert für n=0,1,2,…,39n = 0, 1, 2, \ldots, 39 eine Primzahl, vierzig Fälle hintereinander, aber für n=40n = 40 ergibt er 1681=41×411681 = 41 \times 41, und das ist keine Primzahl.
Deduktives Denken geht den umgekehrten Weg: Es startet bei Tatsachen, die sicher wahr sind, und kommt zu einer Schlussfolgerung, die wahr sein muss. Induktives Denken findet Ideen, deduktives Denken beweist sie.
Vorsicht bei den Namen: Die vollständige Induktion (aus dem Thema Beweise) ist ein deduktives Beweisverfahren und kein induktives Denken.

Probier es gleich aus

Welches dieser Beispiele ist induktives Denken?

Lösungsbeispiele

Addiere die ersten ungeraden Zahlen: 11, 1+31 + 3, 1+3+51 + 3 + 5, 1+3+5+71 + 3 + 5 + 7. Stelle eine Vermutung auf und sage damit die Summe der ersten 1010 ungeraden Zahlen voraus.

1

Beobachte die Fälle

1=11 = 1, 1+3=41 + 3 = 4, 1+3+5=91 + 3 + 5 = 9, 1+3+5+7=161 + 3 + 5 + 7 = 16 → Summen: 1,4,9,161, 4, 9, 16

2

Suche ein Muster

1=121 = 1^2, 4=224 = 2^2, 9=329 = 3^2, 16=4216 = 4^2 → Jede Summe ist eine Quadratzahl

3

Stelle eine Vermutung auf

Bei nn ungeraden Zahlen scheint die Summe n×nn \times n zu sein → Summe der ersten nn ungeraden Zahlen =n2= n^2

4

Prüfe sie an einem neuen Fall

1+3+5+7+9=25=521 + 3 + 5 + 7 + 9 = 25 = 5^2 → Die Vermutung besteht den Test

5

Nutze sie für eine Vorhersage

n=10n = 10: 102=10010^2 = 100

Häufige Fehler

Zu glauben, eine Vermutung sei bewiesen, weil sie in vielen Fällen gestimmt hat

Warum es falsch ist: Beispiele können eine Vermutung nur stützen. n2+n+41n^2 + n + 41 ist für 4040 Werte hintereinander eine Primzahl und versagt trotzdem bei n=40n = 40.

Richtig: Nenne es eine Vermutung, bis es bewiesen ist. Sag "wahrscheinlich wahr", nicht "wahr".

Zu glauben, ein Gegenbeispiel reiche nicht, um eine Vermutung zu verwerfen

Warum es falsch ist: Eine Vermutung behauptet etwas über jeden Fall. Wenn auch nur ein Fall nicht stimmt, ist die Behauptung "immer" falsch.

Richtig: Ein Gegenbeispiel genügt. 22 ist eine Primzahl und gerade, also ist "alle Primzahlen sind ungerade" falsch.

Nur einfache, positive ganze Zahlen zu testen

Warum es falsch ist: Viele Vermutungen scheitern bei 00, bei negativen Zahlen oder bei Brüchen. "Quadrieren macht eine Zahl größer" stimmt für 2,3,102, 3, 10, aber nicht für 12\frac{1}{2}: (12)2=14\left(\frac{1}{2}\right)^2 = \frac{1}{4}.

Richtig: Teste gezielt Sonderfälle: 00, 11, negative Zahlen, Brüche und große Zahlen.

Vollständige Induktion mit induktivem Denken zu verwechseln

Warum es falsch ist: Die Namen klingen ähnlich, aber die vollständige Induktion ist ein deduktives Beweisverfahren mit Induktionsanfang und Induktionsschritt.

Richtig: Induktives Denken stellt aus Beispielen eine Vermutung auf. Die vollständige Induktion beweist eine Aussage für alle natürlichen Zahlen.

Interaktive Visualisierung

Folgen-Explorer

1,
3,
5,
7,
9,
11,
13,
15
, ...

Formel

a_n = 1 + 2(n - 1) = 2n - 1
Summenformel: S_8 = 8/2 × (2×1 + 7×2) = 64
12345678

Teilsummen

S₁ = 1S₂ = 4S₃ = 9S₄ = 16S₅ = 25S₆ = 36S₇ = 49S₈ = 64
12345678
a_1

1

a_5

9

a_10

19

a_20

39

Interaktiver Sandkasten

Ausdrucksrechner

Probiere diese:

Verlauf

Noch keine Berechnungen

Übungsaufgaben

18 Aufgaben
Aufgabe 1 von 18
Einfach

Welches dieser Beispiele ist induktives Denken?

Warum es wichtig ist

Mit induktivem Denken beginnen die meisten neuen Ideen, in der Mathematik und im Alltag:
  • Wetter: Meteorologen vergleichen viele vergangene Tage mit ähnlichen Wolken, ähnlichem Wind und Luftdruck und sagen voraus, was morgen wahrscheinlich passiert
  • Naturwissenschaften: Eine Forscherin wiederholt ein Experiment viele Male und formuliert ein Gesetz, das zu allen Ergebnissen passt, bis ein neues Ergebnis es widerlegt
  • Mathematik: Berühmte Sätze begannen als Vermutungen, die man beim Prüfen von Beispielen gefunden hat; manche, wie die Goldbachsche Vermutung, sind bis heute unbewiesen
  • Alltag: Wenn der Bus diese Woche jeden Morgen zu spät war, gehst du morgen früher los
Genauso wichtig ist es, die Grenzen zu kennen: Ein einziges Gegenbeispiel reicht, um eine Vermutung zu widerlegen, egal wie viele Beispiele sie gestützt haben.

Anwendungen im echten Leben

Wettervorhersage

Meteorologen vergleichen den heutigen Tag mit vielen früheren Tagen, die ähnlich aussahen. Was danach meistens passierte, wird zur Vorhersage. Deshalb nennen Vorhersagen Wahrscheinlichkeiten und keine Gewissheiten.

Beispiel:

Wenn es an 8080 von 100100 früheren Tagen mit diesen Wolken und diesem Wind am nächsten Tag geregnet hat, meldet die Vorhersage eine Regenwahrscheinlichkeit von 80%80\%.

1Probiere es selbst

Die Morgentemperatur betrug am Montag 8°C8°C, am Dienstag 10°C10°C, am Mittwoch 12°C12°C und am Donnerstag 14°C14°C.

Wie warm wird es am Samstagmorgen sein, wenn sich das Muster fortsetzt?

Schritt 1: Schreibe den mathematischen Ausdruck

Starte bei den 1414 Grad vom Donnerstag und addiere 22 Tage mit je 22 Grad:

Experimente in den Naturwissenschaften

Forscherinnen und Forscher wiederholen Messungen, suchen ein Muster und formulieren eine Regel. Man vertraut der Regel, solange kein Experiment sie widerlegt.

Beispiel:

Hängt man 11, 22 und 33 gleiche Gewichte an eine Feder, dehnt sie sich um 33 cm, 66 cm und 99 cm. Die Vermutung: 33 cm Dehnung pro Gewicht. Mit zu vielen Gewichten wird die Feder beschädigt, und die Regel gilt nicht mehr.

2Probiere es selbst

Eine Feder dehnt sich mit 11 Gewicht um 33 cm, mit 22 Gewichten um 66 cm und mit 33 Gewichten um 99 cm.

Wie weit dehnt sie sich laut Vermutung mit 77 Gewichten?

Schritt 1: Schreibe den mathematischen Ausdruck

Multipliziere die Dehnung pro Gewicht mit der Anzahl der Gewichte:

Ein Turnier planen

Bei einem Turnier jeder gegen jeden spielt jede Mannschaft genau einmal gegen jede andere. Die Veranstalter können die Anzahl der Spiele aus kleinen Fällen und einer Vermutung bestimmen.

Beispiel:

22 Mannschaften spielen 11 Spiel, 33 Mannschaften 33 Spiele, 44 Mannschaften 66 Spiele. Die Vermutung n(n−1)2\frac{n(n - 1)}{2} passt zu allen drei Fällen, und hier lässt sie sich sogar beweisen: Jede der nn Mannschaften spielt gegen n−1n - 1 andere, und jedes Spiel wird doppelt gezählt.

3Probiere es selbst

Eine Schach-AG an einer Schule hat 88 Mitglieder. Jedes Mitglied spielt genau einmal gegen jedes andere.

Wie viele Partien werden gespielt?

Schritt 1: Schreibe den mathematischen Ausdruck

Setze n=8n = 8 in die Vermutung n(n−1)2\frac{n(n - 1)}{2} ein:

Wichtige Erkenntnisse

  • 1Induktives Denken führt von einzelnen Fällen zu einer allgemeinen Vermutung
  • 2Prüfe eine Vermutung an neuen Fällen, besonders mit 00, negativen Zahlen, Brüchen und großen Zahlen
  • 3Viele Beispiele machen eine Vermutung wahrscheinlich wahr, aber sie beweisen sie nie
  • 4Ein einziges Gegenbeispiel genügt, um zu zeigen, dass eine Vermutung falsch ist
  • 5Deduktives Denken beweist eine Vermutung: Induktives Denken findet die Idee, deduktives Denken macht sie sicher
  • 6Die vollständige Induktion ist ein deduktives Beweisverfahren und kein induktives Denken

Häufig gestellte Fragen

Weil wir so Ideen finden, die sich zu beweisen lohnen. Deduktives Denken braucht eine Aussage als Ausgangspunkt, und diese Aussage entsteht meistens, wenn man ein Muster in Beispielen bemerkt.
Weil wir so Ideen finden, die sich zu beweisen lohnen. Deduktives Denken braucht eine Aussage als Ausgangspunkt, und diese Aussage entsteht meistens, wenn man ein Muster in Beispielen bemerkt.
Keine Anzahl von Beispielen reicht für Gewissheit. n2+n+41n^2 + n + 41 stimmt 4040 Mal und versagt dann. Mehr und vielfältigere Beispiele machen eine Vermutung glaubwürdiger, aber erst ein Beweis macht sie sicher.
Nein. Trotz des Namens ist die vollständige Induktion ein deduktiver Beweis: Du beweist einen Induktionsanfang und beweist, dass aus jedem Fall der nächste folgt. Damit ist die Aussage für alle natürlichen Zahlen sicher.
Ja. Die Goldbachsche Vermutung besagt, dass jede gerade Zahl größer als 22 die Summe zweier Primzahlen ist, zum Beispiel 10=3+710 = 3 + 7. Computer haben sie für jede gerade Zahl bis 4×10184 \times 10^{18} geprüft, aber sie ist immer noch unbewiesen.

Glossar

Induktives Denken
Schließen von einzelnen Fällen auf eine allgemeine Aussage, die wahrscheinlich, aber nicht sicher wahr ist
Vermutung
Eine allgemeine Aussage, die nach den Beispielen wahr zu sein scheint, aber noch nicht bewiesen ist
Gegenbeispiel
Ein Fall, in dem eine Aussage falsch ist; er zeigt, dass die Aussage nicht immer gilt
Deduktives Denken
Schließen von bekannten Tatsachen und Regeln auf eine Schlussfolgerung, die wahr sein muss
Beweis
Eine deduktive Begründung, die zeigt, dass eine Aussage in jedem Fall wahr ist

Formelkarte

Der induktive Kreislauf

beobachten→vermuten→pru¨fen→beweisen oder widerlegen\text{beobachten} \to \text{vermuten} \to \text{prüfen} \to \text{beweisen oder widerlegen}

Beispiele führen zu einer Vermutung; Prüfen und Beweisen entscheiden, ob sie gilt

Summe der ersten n ungeraden Zahlen

1+3+5+⋯+(2n−1)=n21 + 3 + 5 + \cdots + (2n - 1) = n^2

Induktiv aus Beispielen gefunden, später bewiesen

Diagonalen eines Vielecks

d=n(n−3)2d = \frac{n(n - 3)}{2}

Anzahl der Diagonalen eines Vielecks mit $n$ Ecken

Mehr zu diesem Thema